Seite auswählen

Ich saß in meinem Balkonbüro und wurde Zeugin folgender Szene, die mir ein Schlüsselerlebnis beschert hat: Eine Großmutter war vor meinem Haus mit ihrer kleinen Enkelin unterwegs. Die Fünfjährige fuhr auf ihrem Fahrrad und stürzte, weil sie einen Moment lang unachtsam war. Sie begann zu weinen. Wie reagierte die Großmutter? Sie schimpfte genervt: „Warum passt du nicht auf! Kein Wunder, wenn du nicht schaust, wo du hinfährst …“
Sogleich spürte ich, wie Ärger in mir über die Reaktion der Frau hochstieg. Wenn die Kleine sich weh getan hatte (oder sei es auch nur, dass die Tränen flossen, weil sie sich beim Sturz erschreckt hatte), dann sollte sie sie doch besser trösten, in den Arm nehmen, ablenken oder was auch immer. Aber was bringt es, ein Kind, das hingefallen war, zu rügen?

Die beiden waren längst aus meinem Sicht- und Hörfeld verschwunden, doch ich hing in Gedanken noch immer an dieser Szene fest. Denn, was tun wir oft, wenn wir einen Fehler machen, wenn wir ungeschickt waren, wenn uns etwas passiert ist, wenn uns etwas peinlich ist, was wir gemacht haben. Wenn wir unzufrieden sind mit uns und unserem (Nicht-)Tun …: Wir schimpfen mit uns. Wir machen uns Vorwürfe. Wir tadeln uns. Statt dass wir uns selbst in den Arm nehmen und trösten. Uns Mut zusprechen, dass es das nächste Mal, dass es zukünftig (besser) klappen wird.

liebe mich am meisten
Bei der Großmutter war mir sofort klar, dass ich ihr Verhalten weder liebevoll noch vernunftmäßig zielführend hielt. Abgesehen von der mangelnden Empathie war es wohl eher ein Akt der Entmutigung als der Ermutigung für die Zukunft. Aber, wenn ich mir selbst Vorwürfe mache, etwas nicht gut genug gemacht zu haben (und das ist immer auch ein Moment des daran Leidens), mangelte es mir oft an dieser Einsicht, dass es mich nicht weiterbringt, wenn ich mich durch diese Selbstvorwürfe noch mehr schwäche, mir dadurch letztlich noch mehr Schmerzen zufüge.
Heute fällt mir in solchen Situationen immer diese Großmutter und ihre Reaktion auf das leidende kleine Mädchen ein. Das hilft mir dann, aus der energieraubenden Selbstkritik ganz rasch auszusteigen. Denn darum geht es: Sich selbst zu stärken, gerade in den Momenten, wo wir uns am schwächsten fühlen. Sich selbst eine gute Freundin zu sein – so wie wir es völlig selbstverständlich auch für unsere FreundInnen sind.
„Liebe mich am meisten, wenn ich es am wenigsten verdiene. Denn dann brauche ich es am nötigsten.“ –  ich weiß nicht, von wem dieses Zitat stammt. Es bringt für mich auf den Punkt, was wichtig ist: Obwohl wir auf der Verstandesebene wissen, dass wir Liebe jederzeit verdienen, einfach weil wir SIND, fällt es uns wesentlich leichter, uns selbst zu lieben, wenn wir gerade eine tolle Leistung oder dergleichen erbracht haben. Nur, wenn wir (wirklich) Mist gebaut haben oder einen (schweren) Fehler gemacht haben, dann bräuchten wir in diesem Moment des Schmerzes unsere Liebe an nötigsten. Es geht dabei nicht darum, dass wir unsere „Tat“, unseren Fehler dadurch beschönigen oder gutheißen. Sondern Ziel ist, zu uns selbst so gut zu sein, dass wir es zukünftig besser machen können.

Share Button