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Ich bin ganz einfach eine normale Mutter. Vielleicht bin ich durchschnittlich darin. Durchschnitt in dem Sinne verstanden, dass ich manchmal eine bessere und die anderen Male ein schlechtere Mutter war und bin.
Gedanken zum Muttertag. Ein Brief an meinen Sohn.

Mein Sohn wird heuer 20.
Anlässlich des heutigen Muttertages blicke ich auf fast zwei Jahrzehnte Mutter-Sein zurück und ziehe eine Zwischenbilanz. Nein, ich bin nicht die beste aller Mütter. Nein, ich habe dem Überbild der immerzu umsorgenden, aufopferungsbereiten, verständnisvollen, … – kurzum der stets perfekten Mutter – nie entsprochen.

 

Lieber P.!

Ich war nicht immer da für dich.
Ich war berufstätig. Ich war Politikerin. Viele Nachmittage, Abende und Sonntage hast du nicht mit mir, sondern mit deinem Vater verbracht.
Und ich hatte derweilen ein schlechtes Gewissen. Von dem du dir aber nichts abschneiden konntest.
Oder aber, du musstest mitgehen mit mir. Zu Sitzungen, zu Veranstaltungen. Das hat dich oft „nicht die Bohne interessiert“, und trotzdem blieb dir damals nichts anderes übrig.

Ich war genervt und ungerecht.
Oftmals war ich überfordert. Bin dich angefahren. Habe mit dir geschimpft, nur weil ICH Stress hatte. Zu meiner Verteidigung kann ich nichts vorbringen. Außer der Hoffnung, dass du registriert hast, dass es mir manchmal danach zumindest gelungen ist, mich dafür zu entschuldigen.

Ich war und bin besserwisserisch.
Oh, wie kann ich dich heute noch damit nerven! :-O
Viel zu oft wollte ich Dinge – angeblich FÜR DICH, die vielmehr MEINE waren. Ich meinte und meine viel zu oft zu wissen, was gut für dich sei.

Ich war (und bin auch heute noch manchmal) hysterisch.
Wie peinlich war es dir, wenn ich, weil ich dich nicht erreichen konnte und meine Phantasie mit mir davongaloppiert ist, was dir alles passiert sein könnte, deine Freundinnen und Freunde angesmst (oder sogar angerufen!) habe. Da nimmt jene Episode, als ich dies mitten in der Nacht tat und wirklich alle mit meinen Fragen, ob sie wissen, wo du seist, aufgescheucht hatte, während du friedlich schlummernd in deinem Bett zuhause gelegen bist, hoffentlich in der Nachbetrachtung einen Anekdotengeschmack an.

Ich habe dir eine schwere Last auf die Schultern gelegt.
Wir lernen durch Prägung. Wir übernehmen oft das, was wir im Alltag bei Bezugspersonen wahrnehmen. Ich befürchte, ich habe dir hierbei mit viel zu vielen Dingen keinen guten Dienst erwiesen, sondern dir eher eine Last aufgebürdet. Als ich mich das erste Mal zu dir sagen hörte „Zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen“, habe ich mir zwar nachträglich auf die Zunge gebissen und mich gefragt: „Spinnst du, Elke, was machst du da!“
Und dennoch scheinst du einiges aus meinem Rucksack, den ich heute noch mit mir herumschleppe und an dem ich heute noch arbeite, um mit leichterem Gepäck meinen Lebensweg gehen zu können, mitbekommen zu haben.

 

Als du klein warst, haben dein Vater und ich öfters – halb im Spaß – gesagt, dass wir am besten ein Sparbuch anlegen, damit du dir später die Therapie, die du brauchen wirst, um unsere Erziehung aufzuarbeiten, finanzieren kannst.

Ich war und bin eben keine perfekte Mutter.
Ich habe es zwar versucht, bin aber kläglich gescheitert.
Weil ich ein Mensch bin. Einfach Mensch mit all meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten.

Daher danke ich dir von Herzen, dass du mich nimmst, wie ich bin. Ich danke dir dafür, dass du deine Form gefunden hast, mit all dem, was ich nicht kann, umzugehen. Dafür, dass du so viel Humor an den Tag legst und weißt, mich mit Schmäh zu nehmen. Und dafür, dass du trotz meines oftmaligen Erziehungsversagens so ein wunderbarer Mensch bist.

 

Danke, dass ich deine nicht perfekte Mutter sein darf!
Ich liebe dich!

elke

 

 

 

 

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