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Wir sind Drehbuchautorinnen und Regisseurinnen unseres eigenen Kopfkinos. Und nicht selten geht es mit uns durch, das eigene Gedankenkarussell. Vor allem in jenem Bereich, wo wir besonders verletzlich sind. Wo wir die meisten Ängste haben. Wo wir am empfindlichsten sind: Wenn es darum geht, ob wir geliebt werden und liebenswert sind.

 

Bei einer Tagung, die ich letzte Woche in Linz moderieren durfte, hat unter anderem die Schweizer Psychologin und Publizistin Julia Onken referiert.

Falls ihr sie nicht kennt: Julia Onken engagiert sich seit über 30 Jahren für Frauen und hat bereits 1987 das Frauenseminar Bodensee gegründet. Ihre Bücher kann ich nur wärmstens empfehlen!

Wie Glücklichsein lernbar sei, versuchte Julia Onken in ihrem Vortrag zu vermitteln. Und sie zeigte auch auf, welche Strategien wir Frauen mitunter auf Lager haben, was wir nicht alles tun, um unser Glück aktiv zu schmälern. In diesem Zusammenhang las sie auch folgenden Text vor:
(Ich habe leider keine Ahnung, ob Onken selbst die Autorin der Zeilen ist, oder ob sie dafür auf eine andere Quelle zugegriffen hat.)

 

„Zwei verschiedene Tagebücher über denselben Abend …

Ihr Tagebucheintrag

Am Samstagabend hat er sich echt komisch verhalten. Wir wollten noch ausgehen. Ich war den ganzen Tag mit meinen Freundinnen beim Einkaufen und kam deswegen zu spät – womöglich war er deswegen sauer. Irgendwie kamen wir gar nicht miteinander ins Gespräch, sodass ich vorgeschlagen habe, dass wir woanders hingehen, wo man sich besser unterhalten kann. Er war zwar einverstanden, aber blieb so schweigsam und abwesend. Ich fragte, was los ist, aber er meinte nur „nichts“.

Dann frage ich, ob ich ihn vielleicht geärgert habe. Er sagte, dass es nichts mit mir zu tun hat und dass ich mir keine Sorgen machen soll. Auf der Heimfahrt habe ich ihm dann gesagt, dass ich ihn liebe, aber er fuhr einfach weiter. Ich verstehe ihn einfach nicht, warum hat er nicht einfach gesagt „ich liebe dich auch“. Als wir nach Hause kamen, fühlte ich, dass ich ihn verloren hatte, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Er saß nur da und schaute fern – er schien weit weg und irgendwie abwesend. Schließlich bin ich dann ins Bett gegangen.

Er kam nach zehn Minuten nach und zu meiner Überraschung hat er auf meine Liebkosungen reagiert, und wir haben uns geliebt. Aber irgendwie hatte ich immer noch das Gefühl, dass er abgelenkt und mit seinen Gedanken weit weg ist. Das alles wurde mir zu viel, sodass ich beschlossen habe, offen mit ihm über die Situation zu reden, aber da war er bereits eingeschlafen. Ich habe mich in den Schlaf geweint. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich bin mir fast sicher, dass er eine andere hat.

Sein Tagebucheintrag

Heute hat der FCZ verloren, aber wir hatten prima Sex.“

 

Natürlich, der Text bedient ziemlich viele der Stereotypen, die wir kennen.
Sicher, er mag vielen völlig überzeichnet vorkommen. Aber gerade durch das Stilmittel der Übertreibung wird der Kern des Problem gut sichtbar. Denn:

Ich kenne es von mir und von vielen anderen Frauen auch. Viele weibliche Wesen haben immer wieder mal ähnliche – ich nenne es jetzt mal einfach – „Anwandlungen“. (Ob Männer dafür ebenso anfällig sind, kann ich nicht beurteilen. Da kenne ich mich weniger aus. 🙂 )

 

Wir sind befähigt,

mit unseren Gedanken unsere Gefühlslage in immer tiefer werdende Abgründe zu katapultieren.

 

Wir kreieren mit unseren Gedanken unsere eigene, subjektive Welt, die schon mal gänzlich losgelöst sein kann von allen halbwegs „realen“ Tatsachen. So schaffen wir es mühelos, uns selbst zu verunsichern und uns unglücklich zu machen.

 

Sezieren wir die obigen Tagebucheintragungen doch ein wenig.
Was steckt dahinter?

 

Seltsamerweise sind es zwei völlig widersprüchlich scheinende Hintergründe:

 

1.) Wir halten uns für sehr wichtig.

 

Wie oft führen wir Verhalten und Gemütsäußerungen der Menschen um uns herum auf uns selbst zurück? Fragen uns, ob wir einen schwarzen Punkt auf der Nase haben, weil uns jemand vermeintlich anstarrt. Denken darüber nach, was die anderen über uns und unser Tun denken könnten. Grübeln, was wir falsch gemacht haben könnten, weil XY sich nicht meldet …

Vergiss es!

Die Welt dreht sich nicht nur um dich!

Es sind nicht alle anderen Menschen ständig damit beschäftigt über dich nachzudenken.

 

 

2.) Wir halten uns für sehr unwichtig. 

 

Wie oft haben wir Angst, nicht liebenswert genug zu sein? Fragen uns immer wieder aufs Neue, ob der/die andere uns auch wirklich liebt. Denken über Dinge nach, an welchen wir angeblich erkennen, dass wir die Liebe nicht mehr oder nicht ausreichend bekommen würden. Sehnen uns und suchen permanent nach Liebesbeweisen.

Es lässt sich kurzum zusammenfassen mit:
Wir misstrauen den uns Liebenden, weil wir nicht darauf vertrauen können, dass wir einfach liebenswert sind.
Wir überfordern sie dadurch völlig. Denn: Was müssen sie darüber hinaus noch alles sagen und tun, bis wir ihnen endlich, endlich glauben und vertrauen?

Vergiss es!

Du bist liebenswert, so wie du bist!

Mit all deinen Stärken und Schwächen,

mit all deinen wunderbaren Seiten und Macken,

mit all deinen Fehlern und Vorzügen, …!

Du bist gut genug.

 

Du zweifelst ja auch nicht daran, dass die Welt eine Kugel ist, oder?

Damit meine ich ja nicht, dass wir uns nicht weiterentwickeln sollen. Sondern es geht einzig und allein darum, dass wir unseren Wert und unser Liebenswert-Sein nicht erst durch bestimmte Leistungen oder durch Anstrengungen, ein bestimmtes Ideal zu erreichen, verdienen müssen. Du verdienst die Liebe und Anerkennung anderer – jetzt, heute, in diesem Augenblick – schon allein durch dein Sein.

 

Ich habe mich irgendwann mal dazu entschlossen, die Menschen, die mich lieben, einfach ernst zu nehmen.

Wenn sie sagen, dass sie mich lieben, dann glaube ich es ihnen. Punkt.

Das bin ich ihnen und mir schuldig.

 

Außerdem bin ich bin mittlerweile 44.

Die Bemühungen zahlreicher Jahre, mich selbst als liebenswert und wertvoll anzunehmen, sind erfreulicherweise nicht umsonst gewesen. Und dennoch muss die Selbstfürsorge, der Respekt sich selbst gegenüber täglich weiterhin geübt werden.
Welch schöne Lebensaufgabe! 🙂
Noch etwas ist dazugekommen: Ich mag mir das Leben nicht schwerer machen, als es manchmal sowieso ist.

 

Einer meiner Lieblingssätze (ich weiß nicht, von wem er stammt) ist:

 

Ich muss NICHT ALLES glauben, was ich denke.

 

Wie viele schöne Momente in meinem Leben habe ich mir in der Vergangenheit durch diese Form des „Gedanken-Machens“ und des daran auch noch Glaubens vermiest? Ich möchte es besser gar nicht so genau wissen! (Was bringt es, wenn ich mich deswegen schelte, wenn ich mich dafür kritisierte? Außer, dass ich mich schlechter fühlen würde!)

Heute passiert es mir zwar auch noch hin und wieder.

Nur bemerke ich erstens schneller, auf welchem Trip ich da gerade unterwegs bin (und das ist die Voraussetzung dafür, dass ich aktiv eingreifen und Gegenmaßnahmen in die Wege leiten kann).

Und zweitens gelingt es mir durch die zunehmende Übung immer besser, mich da schneller wieder rauszuholen. Denn: Ich muss ja nicht alles glauben, was ich denke. 🙂

 

Wie geht dir mit dieser Form des Gedankenkarussells?
Kennst du das oder wirst du Glückliche davon überhaupt nicht befallen?
Was hast du für Tipps und Erfahrungen? Was hilft dir in solchen Momenten?

Ich freue mich auf deine Rückmeldungen, Anregungen, Hinweise! Und auch auf deine Fragen!
Derweilen schicke ich sonnige Grüße!

Herzlichst,
elke

 

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